Musik-Tipp: Die Ärzte - Hell

Achteinhalb (!) Jahre nach ihrem letzten Longplayer „auch“ haben Die Ärzte am Freitag ihr neues Studioalbum „Hell“ herausgebracht, das ich euch hiermit allerwärmstens ans Herz legen möchte! Da die drei Herrschaften aus Berlin wohl die Band sind, die mich neben der Verunsicherung musikalisch, humoristisch und politisch am meisten geprägt hat (insbesondere in den vergangenen rund zwei Jahrzehnten), ist diese Veröffentlichung nach der langen Wartezeit etwas ganz besonderes für mich. Die Frage, wie Die Ärzte - abgesehen von den 2019 online veröffentlichten Nummern „Abschied“ und „Rückkehr“ - heute im Studio klingen würden, war spannend. Ich will jetzt auch gar nicht viel vorwegnehmen, außer, dass die Scheibe auf mich total rund (Wahnsinns-Wortspiel, oder?) und ungezwungen wirkt und einfach Laune macht. Und dass das Album sowohl musikalisch als auch textlich total vielseitig daherkommt.

Interessante Nettigkeit: Neben einem 64-seitigen Hardcover-Booklet (bei der Doppel-Vinyl-Version sogar in Halbleinen gebunden) erhalten LP- und CD-Käufer eine 46 Sekunden längere Version des Albums mit mehr Übergängen und Zwischen-Albereien, wohingegen die Songs in der Streaming- bzw. Download-Variante weitgehend einzeln für sich stehen. Find ich eine charmante Lösung, um einerseits den rein „digitalen“ Markt zu bedienen, aber zugleich für die Käufer der Tonträger eine Variante zu haben, die man in der Form eben nicht in den einschlägigen Portalen streamen oder ziehen kann.

Erste Vorab-Single:

Zweite Vorab-Single:

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Danke für den Tipp, hab es auf dem Schirm und werde mir ggf. kommende Woche den Gang in den Elektronikmarkt gönnen und mir das Album kaufen.

Was entgegnest du auf ne Aussage, die ein Kollege mir gegenüber gemacht hat: Seit 10-15 Jahren zahnlose Tiger, nichts besonderes mehr, belanglos in Text und Musik?
Er meinte das im Vergleich zu früher. So wie es vl. auch mit der EAV immer wieder geschah.
Muss dazu sagen: Der Kollege ist ein ehrlicher Kenner der Materie.

Ich muss auch ehrlich sagen: Die Ärzte der 80er, 90er und ganz frühen 2000er haben sie selbst nie mehr erreicht. Alben wie „Die Ärzte“ (Vorsicht: immer noch indiziert!), „Das ist nicht die ganze Wahrheit…“ oder „Planet Punk“ wurden nie mehr getoppt. Nach „Runter mit den Spendierhosen, unsichtbarer!“ war es - in meinen Augen - einfach keine gute Musik mehr. Einzelne Songs waren ja noch ganz gut, aber die Gesamtwerke eben nicht. Ich werde diese Band immer lieben und diese Jungs waren in ihrer Geschichte NIE unsympathisch (da waren die Männer „dieses Forums“ immer umstrittener), aber leider ist die Musik nichts mehr für mich.

Ich fand den Auftritt in den Tagesthemen richtig cool. Bis mir klar wurde dass er auf den Tag der VÖ des neuen Albums fällt. So kann man ein Album natürlich auch bewerben…

@Flachzange Da Die Ärzte in dem von dir genannten Zeitraum nur ein bis zwei Studio-Alben veröffentlicht haben (2007 und 2012), kann ich hoffentlich relativ gut auf die Aussage deines Kollegen eingehen :slightly_smiling_face:. Falls er explizit die letzte Platte „auch“ meint, ist für mich zumindest teilweise nachvollziehbar, wo der Schuh drücken könnte. Zwar würde ich nicht ganz so hart damit ins Gericht gehen, um gleich von „zahnlosen Tigern“ zu sprechen, weil ich auch hier Highlights und Perlen finde, die meinen Geschmack treffen. Trotzdem kann ich unterschreiben, dass es insgesamt das schwächste Ärzte-Album seit ihrer Reunion 1993 war. Meiner Meinung nach lag das auch an der teils zu glattgebügelten Produktion. Der selbst produzierte Vorgänger „Jazz ist anders“ ist hier quasi das Gegenteil und - so habe ich zumindest aufgeschnappt - wegen seines „Garagen-Sounds“ umstritten. Meines Wissens war dieser aber so gewollt. Ich mag ihn, weil er dem Album eine unverkennbare Charakteristik verleiht. Mir ist das viel lieber, als wenn jedes Album fast schon vorhersehbar „standardisiert gleich“ klingt, was ich seit Jahren eben auch in der Rockmusik leider immer häufiger feststelle und wovon schließlich auch das nachfolgende Album in meinen Augen zumindest teilweise zu stark betroffen war. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

@Timo Das nimmt selbstverständlich jeder anders wahr, je nachdem, welche Verbindungen, Vorlieben usw. man hat, was ich nachvollziehen kann. Ich möcht aber gern mal das Gejammer in der Ärzte-Fan-Gemeinde hören, wenn die Jungs plötzlich ein Album im Stile ihrer 80er-Scheiben veröffentlichen würden (wobei die sich untereinander ja auch recht stark unterscheiden). Da wär dann nämlich ganz schnell die Rede von „nicht hart genug“ und so weiter :sweat_smile::point_up:! Ich mag die Platten sehr, keine Frage! Aber das ist so, wie wenn ich bei der EAV sagen täte: „Alles ist erlaubt ist was ganz anderes als Liebe, Tod & Teufel - und deshalb ist das Album doof!“ :wink: Die Mitglieder so einer Band entwickeln sich ja auch persönlich, textlich und musikalisch weiter. Aber ich sehe ein, dass Die Ärzte ab ihrer Reunion für gut ein Jahrzehnt eine krasse Kreativphase hatten, die in der Form aus verschiedenen Gründen (Zeitgeist, Alter,…) wahrscheinlich unwiederbringbar ist. So was kann man ja auch nicht auf Krampf wiederholen.

Jedenfalls ist „Hell“ für mich ein richtig starkes Album der Band im hier und jetzt :blush:! Und live sind die drei Flitzpiepen sowieso über jeden Zweifel erhaben :mrgreen:!

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Was ich noch hervorheben möchte: Die neue Scheibe hat einfach wieder SO 'nen geilen Ärzte-Humor :smiling_face_with_three_hearts:!! Ich will das jetzt auch gar nicht sezieren. Hört’s euch einfach an :slightly_smiling_face:!

Das Interview in den „Tagesthemen“ hat mir vor allem mal wieder gezeigt, wie dröge die Ärzte sind, wenn sie grad keine Musik machen :sleeping:

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Sehr, sehr gute Promotion-Aktion! Besser geht kaum…so aus Branchensicht halt.

Werde mir das Album heute beim Putzen mal reinziehen. Ich habe noch nie ein Ärzte-Album gehört und kenne nur einzelne Songs aus dem Radio. Bin schon gespannt…

(Ähnlich interessant wäre es mal einen absolut Unwissenden mit einem neueren EAV-Album zu konfrontieren. Hat das schon mal wer gemacht? Wie kommt das an?)

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genau das ist das problem. Seinerzeit wurde Hagen bei der Reunion ignoriert, weil er Journalist geworden war und damit zur "Gegenseite " überlaufen war. Und jetzt spielen sie das Spiel selbst mit. So wichtig das ist was sie im Interview sagten, wäre die „zuuufällige“ Nähe zum CD-Release nicht, wäre es glaubwürdig. Aber so…

Es geht doch schon längst nicht mehr um Glaubwürdigkeit. Jeder nützt jede noch so erdenkliche Möglichkeit, Aufmerksamkeit auf sich und sein Produkt zu ziehen. Und das wird immer schwerer, weil sich der Kuchen immer mehr geteilt werden muss. Womit fällt man heute noch auf? Bringt sich ins Gespräch?
Mit guter Musik alleine ist das sehr schwer…

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Mein Beitrag: Habe nach der EAV (Grundschulalter) begonnen auf der Realschule „Die Ärzte“ zu hören = was einen richtigen Coolnes-Faktor bedeutete. Das müsste aber gerade in der Zeit der Trennung gewesen sein. Kenne jetzt die neuen Sachen von den Ärtzen gar nicht bis wenig, außer eben die wirklich Bekannten. Die ersten Ärzte-Platten sind schon „kultig“ und die Musik passte damals eben in diese pubertäre Phase, habe danach nochmals kurz zur EAV zurückgefunden, bevor dann die englischen Bands kamen (The Cure, Queen, Pink Floyd)… Zumindestens sind „DÄ“ noch nach so vielen Jahren präsent und haben sicherlich eine große Fanbase. Meine Musik ist es nicht mehr…

@BertvanBurgh War das wirklich der Grund, warum man Hagen für die Reunion nicht angefragt hatte? Der Gute war ja kein offizielles Band-Mitglied. Ich habe diese Zeit zwar altersbedingt nicht aktiv miterlebt, aber hab das immer so verstanden, als wären in der Phase mit Hagen doch alle drei Beteiligten zufrieden mit ihrer jeweiligen Situation gewesen: Die Rampensäue Farin & Bela als Band-Duo im Vordergrund und dazu Hagen als eher zurückhaltender Gast und Ruhepol. Und nach der Wiedervereinigung hat Bela halt den Rod von seiner damaligen Band „Depp Jones“ mitgebracht und Die Ärzte waren von da an wieder ganz amtlich ein Trio. Ich hab zwar auch mal aufgeschnappt, dass Hagen gerne erneut hinzugezogen worden wäre (ist ja auch verständlich), aber Rod war und ist meiner Meinung nach einfach das Beste, was der Band besetzungstechnisch passieren konnte. Und hätte aus all dem wirklich eine dauerhafte Abneigung oder ähnliches resultiert, dann wär der Hagen doch 2002 zum „Jubiläumskonzert“ nicht noch mal für einen Song mit den Jungs auf der Bühne gestanden. Ich eh hab das Gefühl, dass solche Sachen im „Ärzte-Fandom“ gerne mal heißer gegessen werden, als sie tatsächlich gekocht wurden :wink:. Und was das nun 27 Jahre später mit dem Auftritt in einer Nachrichtensendung zu tun haben soll?! Puuuh… Also ich tu mir mit so was echt ein bisschen schwer :kissing_heart:! Zumal ein solcher Auftritt doch noch mal was ganz anderes ist, als einen Musikredakteur in der Band zu haben. Und wenn die Drei im Fernsehen zur aktuellen Situation ihrer Branche ein Statement abgeben und nebenher noch kurz auf ihre neue Platte hinweisen, wüsst ich nicht, was daran verwerflich sein sollte.

Da bin ich bei Satanella. Es ist nun mal - neben diversen anderen Faktoren - auch ein Business. Und Die Ärzte haben es für mich stets auf ihre charmante, gewitzte, glaubwürdige Art verstanden, dieses Spiel mitzuspielen. Die haben immer großflächig Interviews gegeben, sind irgendwo im Fernsehen präsent gewesen (VIVA, MTV, Top of the Pops,…) und haben ihre Marke gut zu verkaufen gewusst, jedoch ohne sich selbst auszuverkaufen oder untreu zu werden. Warum nun seit geraumer Zeit aus einem gewissen Lager immer wieder diese straighte „Punk Attitude“ von ihnen gefordert wird, ist mir absolut schleierhaft. Mir fällt einfach keine Phase der Band ein, in der sie ernsthaft versucht hätten, einem solchen Image gerecht zu werden :slightly_smiling_face:!

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das war der Grudn den Hagen selbst komminizert hat, wann das war weiß ich aber nimmer. Dürfte so ca Jahrtausenwende gewesen sein als ich das aufgeschnappt hab. ich hab etwa zu der Zeit DÄ noch im Fokus gehabt (kannte sie noch zu Sahnie-Zeiten, über meinen Bruder, der älter ist als ich und gegen das EAV-Gedudel meinerseits angelärmt hat :)))

Hat das was mit den Tagesthemen zu tun? Nein. ur den offensichtlichen Wandel wollte ich damit verdeutlichen.
DÄ haben sich selbst immer dem Punk zueghörig genannt und ja sogar im Interview bei den Tagesthemen das Thema kurz angesprochen :wink: Ob sie es sind weiß ich nicht. Dazu bin ich zu fern vom Punk

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Farin hat in einem Interview vor vielen Jahren mal dazu Stellung genommen: es gab nie eine Entscheidung gegen Hagen (der ja nur Gast war).
Die Neugründung/Wiedervereinigung erfolgte mit Rod, somit stellte sich die Frage nach Hagen nie.

Zu allem andern: man sollte die Ärzte nicht zu ernst nehmen, tun sie selbst ja auch nicht. :wink:

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Und Promotion hin oder her: wie geil ist das denn, dass gerade im Moment eine (Punk oder nicht, aber dennoch) sehr linksorientierte Band die Tagesthemen rockt?!
Besser als Campino und seine Toten Hosen, deren Fanbase besteht ja seit Jahren großteils nur noch aus fünfzigjährigen CDU-Wählern in der Midlife-Crisis.

Sehr geil :joy:! Hätte bei euch definitiv schlimmer laufen können, würd ich sagen :grin::point_up: ! Apropos Sahnie: Ich bin ja schwer für ein „Trockenschütteln“-Cover als B-Seite für die kommende Single :crazy_face:!!

Ich denke, über die Ärzte gibt es noch mehr Geschichten als über die EAV - wenn das überhaupt möglich ist. Ich habe mal gelesen, dass man Hagen 1993 durchaus zurückgeholt hätte, aber dieser in fünf Jahren „Ärzte-Pause“ seinen Bass wohl nicht mehr in der Hand hatte und man deshalb vermutete, dass er sich musikalisch nie weiterentwickelte.

Zum Thema „nicht hart genug“: Die Ärzte der 80er waren Pop, die Ärzte der 90er (mitunter) Punk, die Alben „Runter mit den Spendierhosen, unsichtbarer!“ und „Geräusch“ zum Teil Geniestreiche, aber ab „Jazz ist anders“ war einfach nichts Ganzes und nichts Halbes mehr. Die „90er-Ärzte“ waren also noch am ehesten am Punkrock. Ein absolutes Meisterwerk ist auch das weniger bedachte „Le Frisur“. Aber ich denke, dass die Ärzte für viele „nur“ ein Einstieg in die Punkszene waren (wenn auch mit später mit Legendenstatus, weil man eben nie vergisst, dass sie den Weg ebneten) - wie die Hosen eben auch (nur, dass ich (musikalisch) mit denen nie etwas anfangen konnte!). Interessant an den Ärzten ist auch, dass - zumindest in den 90ern - sie vereinzelt noch auf den „dreckigsten“ Punksamplern vertreten waren. Deshalb habe ich das Gefühl, dass die Ärzte in der Punkszene immer noch ein höheren Ansehen haben als die Hosen.

Ich hätte mich auf Konzert im November in Stuttgart gefreut, aber ich freue mich eben auf Songs wie „Sweet Sweet Gwendoline“, „Blumen“, „Außerirdische“ oder „El Cattivo“. Aber so hat eben jeder seine Vorlieben. Ich kann mit den neuen Sachen einfach nichts mehr anfangen - mit den Charakteren aber immer!

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ääähm bitte ?!?

Ganz ehrlich, ich finde es doof wenn Bands immer einem Genre zugeordnet werden bzw. das selber noch machen. „Punk“ ist doch schon Jahrzehnte vorbei…

Das sehe ich etwas anders. Ich denke, dass sich Musiker, die aus einer Subkultur kommen, immer zu ihrer eigenen bekennen. Manche spielen mehr damit, manche weniger.