Knieweich

mich würde mal interessieren was ihr aus dem Text von “Knieweich” herauslest oder wie man den Song eben deuten kann (inhaltlich/thematisch)

Im Prinzip eins der klassischen EAV-Themen, denke ich: der stromlinienförmige Opportunist, der sich gerade deshalb erfolgreich in der Mitte der Gesellschaft durchschlägt, weil er keine Meinung vertritt, mit der er auf irgendeine Art und Weise anecken kann - eigentlich also der Vater vom Eierfranz! :wink: Zugleich Kritik an der dahinterstehenden bürgerlichen Doppelmoral (“hinter Handke und Adorno liegt im Regal ein Edelporno”) - mit dem Unterschied, dass die Eierfranzens von heute bestimmt nicht mehr wissen, wer Handke und Adorno sind! :wink:

Meiner Meinung nach übrigens einer der unterschätztesten EAV-Songs ever! :slight_smile: Und ich liebe das Gitarrengeschrammel am Ende! :mrgreen:

Richtig treffende Erklärung!!!
Ja “Knieweich” ist ein Klassiker, ich mag den Song auch sehr.
Bin die letzten Tage wieder mal der “Nostalgie” verfallen… auch wenn der richtige Kommerz mit “Geld oder Leben” eingesetzt hat, so befinden sich auf den alten Werken wirkliche Perlen:
Knieweich, Guru, Sofa… um ein paar zu nennen.
Irgendwann wurden dann diese Thematiken ein wenig anders verpackt, früher fand ich die EAV in so Punkten weitaus bissiger.
Habe mir im September in Innsbruck “Spitalao Fatalo” gekauft… hatte ich zwar alles schon mal auf CD… und muss sagen:
“Für mich neben Liebe Tod und Teufel das beste EAV-Werk. Stimming, gut produziert, verschiedene Sänger, tolle Thematiken, düster-witzig (Tanz Tanz Tanz) und seiner Zeit um Längen voraus”

Und wenn man sich heutzutage die Grausamkeiten/Scheinheiligkeit dieser Welt anschaut (aktueller denn je)
und ja “Knieweichs” gibt es in unsere Gesellschaft Millionen, hehehehehehehe… lebt sich wohl so einfacher, auch wenn man zu leben verpasst :wink:

Also ich bin auch ein Fan des Songs- aber nicht von Herrn Knieweich,
und auch wenn ich Herrn Knieweich und den Eierfranz in ein und dieselbe Schublade stecken würde,
tun sich bezüglich einiger Textpassagen schon immer ? in meinem - eventuell nicht gut arbeitenden Hirn auf.

Die erste Frage: Warum wird Herr Knieweich als “basisfremd” bezeichnet. Ich würde mit dem Adjektiv basisfremd am ehesten einen Politike bezeichnen, der den Kontakt zu den Menschen verloren hat. Das würde prinzipiell ja auch zu Herrn Knieweich passen. Andererseits sehe ich Herrn Knieweich im Zentrum dieser Basis stehen- wenn er überhaupt stehen kann mit seinem Rückgrat.
Die zweite Frage bezieht sich auf den Refrain: Warte nur Sie kommen gleich! Ich interpretiere es so, dass sich Herr Knieweich in seinem ängstlichen kleinkarrierten Dasein eingerichtet hat und sich aus Angst vor dem Leben verkrümmelt hat und die Angst dennoch lauert. Aber wer ist nun wirklich gemeint?
Würde mich über Aufklärung freuen.
Ach ja und noch ne Frage: Angstgelb ist sein Morgenkot, denn er sieh ja seine Rasse bedroht. Ist es die Angst vor der “gelben Gefahr”, die sich hier in einem Haufen Scheiße bündelt und von Herrn Knieweich schon am frühen morgen von sich gegeben wird?

Mir kommt noch einiges spanisch vor
es grüßt herzlich der Matador

Herr Knieweich ist eben die Gattung Mensch, welcher dem grossen Durchschnitt entspricht… Vielleicht der merkelophile Mensch
Er wäre gerne anders, kann es aber nicht und ist getrieben von seinen Ängsten (so was wie Angst gibt es ja nicht im wirklichen Leben, sondern ist ja nichts greifbares bzw. ein Machtmittel der Politiker und Kirchen um Menschen gefügig zu machen)
Herrlich finde ich den Vergleich Christ und Faschist, weil ich jene Wandlung schon durchaus erleben konnte… heisst (ich selber bin eher Agnostiker) wenn die christlichen Werte angegriffen werden, dann wird über alles hergezogen was das Bild der frommen Insel gefährden könnte: Homosexualität, zuviele Ausländer, andere Religionen…
und auch die Textstelle mit “dem kleinen Mädchen” oder mit dem “Edelporno” passt hervorragend, weil genau die Leute, welche verschiedene Sachen verurteilen insgeheim wohl die grössten dunklen Sehnsüchte in sich tragen.
Eben der angebliche brave Bürger, der auch für Literatur interessiert ist = Adorno, aber sich einen Porno versteckt hält… also diese Doppel-Lebigkeit der Gesellschaft.
Schon damals weit seiner Zeit voraus der Text und wieder so unglaublich zutreffend auf die Gegenwart.
“Angstgelb” ist wirklich ein tolle Umschreibung einer Farbe, ich mag das sowieso… Gelb ist u.a. die Farbe der Vergänglichkeit, vielleicht hat Herr Knieweich schon morgens die Hosen voll…
und lebt in seiner Angst bzw. in seinem Dasein nicht aufzufallen… normal zu wirken/bloss nicht auffallen… jedoch tief im inneren getrieben von seinen Ängste und Zwängen.
Hinzukommt ja dieses Absichern von materiellen Dingen wie ein Sparmobil oder ein Eigenheim…und sonst noch viel
Witzigerweise machen das ja die meisten Menschen auch… wobei materielle Sachen total vergänglich sind und ich habe eher das Gefühl das sich so Menschen vor dem Tod absichern wollen oder davor wirklich zu leben oder dem erleben…

Nur ein kleiner Einblick meinerseits…

Meine Theorie: Knieweich scheint mir ein Akademiker zu sein (“er hat es geschafft”, er liest Handke und Adorno, usw.), der nicht auffällt, nicht rebelliert, nichts in Frage stellt, vielleicht auch deshalb, weil er damit am leichtesten seine Karriere befördern kann. Ein Biedermann, der den Brandstiftern auch noch das Feuerzeug gibt, wenn sie nett fragen. Und der vielleicht auch selber ein Brandstifter ist, der sich aber niemals die Finger schmutzig machen würde. Einer, der auf andere runterschaut (Ausländer) und Macht ausnutzt (Kinder). Also “basisfremd”, keiner der sich mit dem gemeinen Volk abgeben will. Gerade in der Nachkriegszeit waren Konservative diesen Schlages (und verkappte Alt-Nazis) Entscheidungsträger. Insofern ist Knieweich auch ein schärfer umrissener Charakter als der Eierfranz, welcher aus jeder Gesellschaftsschicht kommen könnte, eher vielleicht aus dem Mittelstand oder ungebildeten Schichten.

Vielleicht, weil solche Menschen immer mehr als Entscheidungsträger an die Macht kommen?

Laut Wikipedia wurde Anfang der 80er die “Gelbe Gefahr” in Bezug auf Japan gesehen: http://de.wikipedia.org/wiki/Gelbe_Gefahr Klingt plausibel! Könnte aber auch ein Wort sein, das Angst verbildlichen soll, wie Froschregen andeutete.

Was es übrigens nicht alles gibt, Xanthophobie ist die Angst vor der Farbe gelb: http://www.heise.de/ix/artikel/Angst-vor-der-Angst-506700.html

Ein eigener Thread lohnt nicht, aber da es zum Album passt, ein kurzer Zwischenruf: Ich habe heute zum ersten Mal bemerkt, dass es sich bei “A la Carte” laut Cover nicht um “Kulinarische Spezialitäten”, sondern “Kulinarrische Spezialitäten” handelt…

Kurios!

So hab ich noch nie darüber nachgedacht (genau genommen hab ich bis zur Frage in diesem Thread noch nie ausführlicher über diesen Begriff nachgedacht) - instinktiv hab ich den Begriff “basisfremd” bislang glaub ich immer im Sinne von “rückgratlos” gedeutet, also ein Opportunist und Pragmatiker, dem die “Basis” im Sinne von handlungsleitenden Überzeugungen fehlt, der seinen Ursprung und seine Zielvorstellungen nicht reflektiert!

Aber morns Deutung klingt auch nicht weniger plausibel…

Eine wirkliche spannende Diskussion über einen wirklich interessanten Eav Song. Danke an Froschregen und morn- wobei mich die Antworten von Morn mehr überzeugen…

Essen und Trinken ist die halbe Ernährung
Schöne Grüße
Matador…